20 Jahre Galerie Arbeiterfotografie
Kunst ist politisch - John und Che und Revolution

(erschienen in Lokalberichte Köln, 5.3.2010)

„Die Kunst ist extrem beteiligt an der Ausformung unseres Bewußtseins. Und insofern ist die Kunst selbstredend politisch.“ Diese Aussage stammt von Jörg Boström, der gemeinsam mit dem 1998 verstorbenen Kunsthistoriker und Herausgeber der Kunstzeitschrift Tendenzen, Richard Hiepe, 1978 Gründungsmitglied des heutigen Verbandes Arbeiterfotografie ist. 1990 ist der Maler und Fotograf Jörg Boström - Professor für Fotografie und Intermedia an der FH Bielefeld - beteiligt an der Eröffnung der Galerie Arbeiterfotografie in Köln, die im berüchtigten „Agendajahr“ 2010 ihr 20jähriges Bestehen feiert. Aus diesem Grunde gibt es ein üppiges Galerieprogramm, das am 12. März mit der Ausstellung „John und Che - Leben im Land der Revolution“ startet. Die AusstellungsbesucherInnen erwarten stimmungsvolle Fotos in schwelgenden karibischen Farben. Das Land der Revolution ist selbstredend Kuba, die Sprache ist spanisch. Die zahlreichen vis-a-vis Portraits entstanden auf der Basis nonverbaler Kommunikation. Die Fotografinnen Senne Glanschneider (D) und Riet Klarenbeek (NL) bereisten vor fast genau einem Jahr (im 50. Jahr der Revolution) mehrere Wochen das Land und sammelten Eindrücke von Musik bis Landwirtschaft und von maroden Haus-Innen- und Außenansichten bis hin zu prominenten Persönlichkeiten, darunter: Che - allgegenwärtig, Hemingway - verewigt in einer Bar und einem Monument (in bzw. nahe Havanna) und John Lennon. In Havanna im Stadtteil Vedado ist nach dem Beatle John ein Park benannt. Als lebensgroße Skulptur sitzt er dort auf einer Bank. Sein Titel „Imagine“ klingt wie die Hymne einer friedlichen Revolution: „Imagine - stell Dir vor es gibt keinen Besitz... Keinen Grund für Habgier oder Hunger...“

Fortsetzung folgt mit einem internationalen und historischen Programm. Der US-amerikanische Sozialfotograf Steve Cagan ist zu Gast und im Herbst zeigt der Schweizer Hans Peter Jost die Ergebnisse seiner Weltreise auf den Spuren der Baumwolle. Ein weiterer Höhepunkt wird die Vorstellung des Werkes von Marie Goslich sein, einer der ersten Fotoreporterinnen der 19./20 Jahrhundertwende. (af)


20 Jahre Galerie Arbeiterfotografie in Köln
John und Che - Leben im Land der Revolution

(erschienen in Unsere Zeit, 5.3.2010)

Salut – dinero – y amor (Gesundheit, Geld und Liebe)!! Mit diesem kubanischen Trinkspruch läßt es sich feiern. Vor zwanzig Jahren wurde in Köln die Galerie Arbeiterfotografie eröffnet und bot bis heute ein reiches Spektrum an sinnhafter, überwiegend fotografischer Kunst. Zu den Höhepunkten der Ausstellungstätigkeiten in den Kölner Räumen zählten die historischen Fotos von Eugen Heilig, der in der Weimarer Republik mit Willi Münzenberg an der Herstellung der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung A-I-Z beteiligt war. Eugen und sein Sohn, der 2006 verstorbene Fotograf Walter Heilig, markieren die Eckpunkte der Historie. Weiter ging’s mit internationalen und ungewöhnlichen Sichtweisen: von Liverpool bis Sizilien, von Tel Aviv über Paris, Istanbul und Ankara, Antwerpen, von USA über Kolumbien nach Kuba. Mit „John und Che...“ wird 2010 ein Sonder-Ausstellungsprogramm eingeleitet.

Die Fotografinnen Senne Glanschneider (D) und Riet Klarenbeek (NL) bereisten 2009 die karibische Insel, die im 50. Jubiläumsjahr der Revolution ihren Jubeletat sparsam ansetzen muß, denn nicht nur die andauernde Wirtschaftsblockade macht dem sozialistischen Inselstaat nach wie vor zu schaffen. Auch die Natur nimmt mit schweren Hurrikanschäden wenig Rücksicht auf das Wirtschaftssystem eines Landes. Dennoch: „Cuba swingt! Salsa, Bolero und Rumba sitzen den Cubanern im Blut. Musik scheint den Cubanern genau so wichtig zu sein, wie Atem holen… Wo man geht und steht, wird man von Life-Musik umgarnt und verzaubert… Aber eins ist geradezu selbstverständlich, jede Gruppe spielt dir „HASTA SIEMPRE“ – das Lied über den Comandante Che Guevara“, schwärmt Senne Glanschneider, für die mit der Kubareise ein lange gehegter Traum in Erfüllung ging. In Havanna haben die Fotografinnen eine Begegnung der besonderen Art zwischen zwei politischen Visionären mit absoluter Friedens- und Gerechtigkeitsvision: Che - allgegenwärtig - und John Lennon, in einem Gemälde vereint, verschmolzen. Im Stadtteil Vedado sitzt der berühmte Beatle in einem nach ihm benannten Park als lebensgroße Skulptur auf der Bank: „Imagine: Stell Dir vor, es gibt keinen Besitz! Ich frage mich, ob Du das kannst. Keinen Grund für Habgier, oder Hunger...“ In den sehr nahen, sprachlosen Portraits kubanischer Menschen drängt sich die Frage nach dem „guten Leben“ auf. Die Antwort bleibt offen, heißt aber garantiert nicht Konsum und Entfremdung. John: „Imagine! Stell Dir vor, all die Menschen leben einfach so in den Tag hinein... Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer, Aber, ich bin nicht der einzige! Und ich hoffe, eines Tages wirst auch Du einer von uns sein, Und die ganze Welt wird eins sein.“ Dass der Träumer John ebenso wie der Comandante Che eines gewaltsamen Todes starb, ist bekannt. John sollte nach jahrelanger FBI-Observation aus dem Land der „unamerikanischen Umtriebe“ ausgewiesen werden. Seine Gedanken waren gefährlich, weil sie zu viele Menschen begeisterten. Das Studium seiner US-Spitzel-Akte besorgte eindrucksvoll der Rundfunkjournalist Egon Koch auf der Grundlage des Freedom of Information Act FOIA .

All das macht den Programmgedanken der Arbeiterfotografie (beide Fotografinnen sind Mitglied im Verband) aus: Sehen im Sinne von „I see“ - „Ich verstehe!“ Die Hintergründe im Blick haben, Zusammenhänge deutlich machen und - möglichst viele Menschen - begeistern! Das soll mit diesem Einstieg und in der Folge mit Bildwerken u.a. von Steve Cagan (USA), Hans Peter Jost (CH) und Marie Goslich (einer der ersten Fotoreporterinnen des 19./20. Jahrhunderts) gelingen.

Anneliese Fikentscher